Heilnetz-Thema des Monats: Licht und Schatten

Das Credo von der Selbstbestimmung

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von GastautorIn

Wer heute psychologische, spirituelle oder auch philosophische Ratgeber zur Lebensgestaltung liest, wird unweigerlich über einen Topos stolpern: die freie Selbstbestimmung. Diesem Credo nach gilt: Wer wir sind und was wir sein wollen, liegt in unseren Händen und sonst nirgendwo. Wenn man die Überzeugung der 60er und 70er Jahre betrachtet, in denen mehr oder weniger die umgekehrte Maxime galt (der Mensch ist ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse), dann erscheint die jetzige Überzeugung fast als eine Art Gegenbewegung zur Idee der sozialen Bestimmtheit des Menschen. Was bedeutet es, wenn wir heute davon ausgehen, dass der Mensch Herr seines eigenen Schicksals ist?

Zunächst ermächtigt es ihn, aus der fremdbestimmten Opferrolle herauszutreten. Damit eröffnet sich ihm ein ungeahnter Gestaltungsspielraum. Mehr oder weniger alles wird möglich, wenn man daran glaubt und dafür kämpft. Schranken und Limitierungen existieren nicht im Außen, sondern im eigenen Kopf. Diese Schranken und Blockaden sind Glaubensüberzeugungen und Haltungen, die den Schritt in die Freiheit versperren. Wer sie erkennt und auflöst, der kann sich und sein Leben erfolgreich gestalten. Soweit das Credo.

Freiheit zum Erfolg?

Ich finde, wir sollten uns mit diesem Glaubenssatz einmal etwas intensiver auseinandersetzen, denn diese Überzeugung ist eben auch nur ein Glaubenssatz und kein Naturgesetz. Wenn ich der Tatsache Rechnung trage, dass wir als Menschen keine leibnizschen Monaden sind, die isoliert voneinander nebeneinanderher leben und dass wir auch keine rein geistigen Wesen sind, sondern immer noch einen Körper haben und in einer materiellen Welt leben, dann finde ich die Aussage, dass alle Schranken nur in unserem Kopf existieren und uns alles möglich ist, gelinde gesagt ziemlich reduktionistisch. Als soziale Wesen in einer konkret erfahrbaren Welt, mit einer biologischen Grundausstattung, die differiert, gibt es durchaus noch ein paar andere Faktoren, die auf unseren Lebensweg und dessen Gelingen oder Misslingen Einfluss haben.

Unheilsames Menschenbild

Was mich an der Idee, dass wir uns gestalten können, wie wir wollen, aber wirklich stört, ist das dahinterliegende Menschenbild. Vordergründig erscheint es als sehr humanistisch. Der Mensch ist Herr seiner selbst. Es ist die Idee eines autonomen Individuums, das unabhängig von seiner biologischen Grundausstattung, von sozialen und gesellschaftlichen Bezügen sein Leben frei gestalten kann. Doch dahinter zeigt sich noch eine andere Seite. Wenn wir ausschließlich alleine für unser Schicksal verantwortlich sind, dann sind wir eben auch alleine für das Nichtgelingen von Projekten, Lebensentwürfen etc. verantwortlich. Wer seine Pläne nicht verwirklichen kann, hat dann nicht hart genug an sich gearbeitet. Doch das stimmt eben nur, wenn wir ignorieren, dass es soziale, biologische und gesellschaftliche Faktoren gibt, die uns ebenso prägen. Es gibt Strukturen und Lebensumstände, für die sich Menschen nicht freiwillig entschieden haben, die sie aber auch nicht aus eigener Kraft überwinden können.

Ziemlich allein dabei

Selbst wenn wir nicht die dramatischsten Lebensumstände von Menschen zur Grundlage nehmen, sondern den ganz normalen Alltag von Durchschnittsmenschen, dann müssen wir erkennen, dass es immer wieder Umstände gibt, die die Umsetzung von Ideen und Plänen torpedieren oder sogar verunmöglichen. Für die psychische Gesundheit ist es sehr vorteilhaft, sich dieses Scheitern, das nichts mit uns zu tun hat, nicht auf die eigenen Fahnen zu schreiben. Wer glaubt, dass das Schicksal des Menschen nur in dessen Händen liegt, hängt nicht nur Allmachtsfantasien an, sondern propagiert durch die Hintertür auch noch eine neoliberale Ideologie. Denn wenn jeder nur für sich und das Gelingen seines eigenen Lebens verantwortlich ist, dann kämpft letztlich jeder für sich alleine. Gesellschaft als von Menschen geschaffener Raum des gemeinschaftlichen Lebens wird dann überflüssig. Ich bekenne es, in einer solchen Welt möchte ich nicht leben.

Um an dieser Stelle ein Missverständnis auszuräumen: Ich bin ebenfalls davon überzeugt, dass uns Glaubenssätze und Haltungen prägen und blockieren können und dass wir diese Blockaden nicht durch Veränderungen im Außen beseitigen können, sondern dadurch, dass wir uns mit unseren Glaubenssätzen auseinandersetzen, sie verändern oder aufgeben. Das ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um ein gutes und gelingendes Leben geht. Doch bin ich auch davon überzeugt, dass, wenn es mehrere Dimensionen gibt, die unser Menschsein konstituieren, diese auch Einfluss auf uns haben und nicht nur eine einzige. Nur wenn wir diese verschiedenen Dimensionen berücksichtigen, werden wir dem Menschsein gerecht.

PQ:

Wenn jeder nur für sich und das Gelingen seines eigenen Lebens verantwortlich ist, dann kämpft letztlich jeder für sich alleine.

Vielen Dank an Evolve!

Dieser Text erschien erstmalig im Magazin Evolve, das zu abonnieren für alle lohnt, die sich auf hohem inhaltlichen Niveau mit den wesentlichen Fragen des Menschseins auseinandersetzen wollen.

Wir freuen uns, dass Autorin und Redaktion einer Veröffentlichung an dieser Stelle gern zustimmten.

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Die Autorin: Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming

Autorin, Philosophin und Theologin

Katharina Cemig beschäftigt sich vor allem mit der Frage, was ein gutes Leben ausmacht und wie es gelebt werden kann. Ihr Denken ist besonders geprägt von den Weisheitstraditionen des Westens und des Ostens sowie der Integralen Theorie des amerikanischen Philosophen Ken Wilber.

www.quelle-des-guten-lebens.de

 

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