Wie komme ich an wertige Empfehlungen?

 

Bewertungen für Therapeuten: Gut oder schlecht?

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von Conny Dollbaum-Paulsen

Ausgangspunkt für diesen Artikel ist die Klage einer Ärztin: Diese beklagt eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte durch die Geschäftspolitik von jameda, dem nach eigenen Worten größten Arztempfehlungsportal. Hintergrund: Neben ihrem kostenlosen Basiseintrag werden auf derselben Seite weitere Arztadressen aus dem bezahlten Premiumsegment angezeigt. Die Begründung der Betreiber, bestätigt durch ein Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 2014, lautet: „Mündige Patienten haben das Recht auf vollständige Arztlisten“.

Wer stellt denn da die Vollständigkeit sicher?

Ist es nicht total absurd, dass Listen und Empfehlungen über die Höhe eines Eintragspreises reguliert werden? Wie weit darf Ökonomie die Qualität von Listen beeinflussen? Interessant dabei: Klicke ich einen Premiumeintrag an (zu erkennen am Foto), verschwinden die Mitbewerber und werden nicht mehr angezeigt – so erkaufe ich mir Exklusivität ohne lästige Mitbewerber*innen.

Wie auch immer: Mir geht es nicht um die Geschäftspraxis von Arztbewertungsportalen, sondern um die Frage, ob diese helfen? Denn ich könnte im Krankheitsfall angewiesen sein auf eine Empfehlung. Ich könnte Hilfe benötigen, einen Arzt mit gutem Ruf suchen – und nicht wissen, wen ich fragen soll. Also gehe ich ins Internet, wähle ein Portal, gebe die Fachrichtung an und lese mir Bewertungen durch. Finde Lobeshymnen, lese von Heilerfolgen und Behandlungsfehlern, finde beinahe Schmähschriften und Einträge ohne Kommentare. Bin ich damit ein Stück weiter als vorher?

Wer bewertet was warum?

Szenario 1: Ich gehe mit einem aus meiner Sicht eher harmlosen aber lästigen gesundheitlichen Problem zu einer Allgemeinmedizinerin, ich bekomme schnell einen Termin, muss nicht warten, die Parkplatzsituation ist hervorragend – außerdem ist der Wartebereich angenehm eingerichtet, ich werde freundlich begrüßt und von der Ärztin ebenso wohlwollend angehört.

Ich habe genau 2,5 Minuten, mein Anliegen zu schildern – die Ärztin hört freundlich zu, notiert zeitgleich, was ich vortrage. Fragt kurz nach, lässt eine minimale Untersuchung folgen und empfiehlt ein bekanntes schulmedizinisches Medikament. Meine eigentliche Frage, ob es wohl möglich wäre, die Beschwerde auch naturheilkundlich zu behandeln, beantwortet sie nicht als Expertin – weil sie keine ist. Sondern mit Schulterzucken, ich könnte das ja probieren.

Ehe ich mich versehe, stehe ich vor der Tür bei den netten Sprechstundenfrauen, die mir leider kein Rezept mitgeben können, weil das Medikament nicht erstattungsfähig ist. Ich bin so dumm oder so schlau wie vorher auch – und frage mich: War das jetzt eine gute Ärztin? Oder eine schlechte? Was würde ich angeben?

Szenario 2: Gleiche Situation, anderes Problem

Diese Mal handelt es sich um eine ernstzunehmende Erkrankung, die aus schulmedizinischer Sicht weiterer Abklärung bedarf. Ich erhalte eine Überweisung ins Krankenhaus, bevor ich mich überhaupt zu dieser Diagnose wie auch immer verhalten kann. Meine Frage zu alternativen Betrachtungen oder Diagnostiken verhallen ungehört, weil das standardisierte Vorgehen so übermächtig in die DNA der Ärztin eingeschrieben ist, dass keine Lücke für eine gemeinsame, individuelle Überlegung bleibt.

Wie bewerte ich diesen Besuch bei derselben Ärztin? Anders? Schlechter? Und wem hilft das?

Szenario 3: Was sagt die Heilpraktiker*in?

Ich gehe mit der bereits schulmedizinisch diagnostizierten und ernstzunehmenden Erkrankung zu einem Heilpraktiker, von dem ich viel gehört habe. Er ist ein erfahrener Homöopath und nimmt sich 1,5 Stunden Zeit für das Erstgespräch. Er verschreibt Globuli und empfiehlt mir, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen, vielleicht von einer Kollegin, der oder die auch naturheilkundlich arbeitet. Sein Rat lautet, mich so lange zu informieren, bis ich selbst das Gefühl habe, einer Empfehlung wirklich zustimmen oder sie ablehnen zu können.

Wie bewerte ich an dieser Stelle das salutogenetische Vorgehen der Heilpraktiker*in (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Kohärenzgefühl), das mir bei meiner endgültigen Entscheidungsfindung nicht konkret weiterhilft? Außerdem gab es keinen Parkplatz, ich musste 180,- bezahlen und weiß erst in einigen Wochen, ob die Globuli geholfen haben? Mein gesundheitliches Problem ist aktuell nicht gelöst, meine Fragen sind nicht beantwortet.

Über die Unmöglichkeit der Objektivität

Fragen über Fragen, deren Antworten viel zu komplex sein müssten, um angemessen hilfreich zu sein. Krankheit und Gesundheit auf die Bewertung einzelner Kriterien zu reduzieren, kann nur schiefgehen, nach falsch und richtig zu suchen hilft hier wie auch an anderen komplexen Stellen selten bis nie. Schon Empfehlungen im Freund*innen- oder Familienkreis sind oft schwierig: Was mir geholfen hat, kann für andere kontraindiziert, sogar schädlich sein. Wir suchen den ultimativen Gesundheitstipp – und finden doch immer wieder nur den eigenen Gesundungsweg mit all den Irren und Wirren, die dazugehören. Oder? Wir ahnen, dass Gesundheit kein Zustand ist, sondern ein Prozess und sehnen uns doch nach endgültigen Antworten. Bewertungsportale aller Art versuchen diese Sehnsucht zu stillen.

Sicher richtig ist, dass Scharlatanen aller Couleur das (unfachkundig ausgeübte) Handwerk gelegt werden muss – also all jenen, die Heilung versprechen, Methoden nicht nach allen Regeln der Kunst anwenden oder Dinge tun, für die sie weder ausgebildet sind oder deren Ausübung ihnen nicht erlaubt ist. Ob Bewertungsportale da helfen? Ich fürchte nicht…denn dummerweise gibt es Scharlatane, die helfen können und hervorragend kompetente Heilkundler*innen, die immer mal wieder hilflos daran scheitern, Patient*innen weiter zu helfen. Und genau diese Erfahrungen sind dann auch gelistet – und verzerren das Bild enorm.

Bewertungen können helfen

Ganz sicher haben schon viele Menschen über ein solches Portal gute Empfehlungen bekommen – weil diese Art des bewertenden Suchens und Findens zu ihnen passt. Weil sie der Meinung sind, dass es objektive Kriterien geben kann. Und daran ist nichts falsch.

Daraus allerdings eine grundsätzliche Aussage zu basteln, Bewertungen wären grundsätzlich hilfreich, finde ich schwierig. Absoluten Behauptungen haftet immer ein wenig Dogma an – und Dogma ist selten wahr, oft zu rigide um in lebendigen Prozessen hilfreich zu sein.

Die einzelnen Portale folgen Regeln, die sie zu befolgen haben. Diese können sie unter https://www.patienten-information.de/checklisten/arztbewertungsportale einsehen.

Woraus setzen sich Bewertungen zusammen?

Eine Frage, die nicht zu beantworten ist, weil die Hintergründe viel zu komplex sind.

  • Einrichtung und Atmosphäre: extrem vom persönlichen Geschmack abhängig
  • Kompetenz: Erkenne ich das an den zahlreichen Urkunden, die die Praxiswände schmücken oder zeigt das gerade das Gegenteil?
  • Sympathie: abhängig von unendlich vielen kleinen, auch tagesgültigen Faktoren
  • Heilerfolg: absolut unbewertbar, weil so viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen, die sich uns nicht erschließen
  • Preis: sehr relativ, wenn ich für 2 Minuten Arztgespräch 500,- Krankenversicherung monatlich bezahle, verbunden mit allen Erstattungen, die das System bereithält und für 90 Minuten Heilpraktikerin 180,- selbst bezahlen muss. Mein Anspruch als Selbstzahlerin ist auf jeden Fall höher…
  • Kontakt und Service: Was nützt mir ein perfektes Praxismanagement (das Wort erinnert nicht umsonst an Wirtschaftsmanagement), wenn ich nicht in der Tiefe gehört und verstanden werde?
  • Anonymität gewährleisten: Warum?

Ein paar Heilnetz-Gedanken...

Diese kleine Recherche bestätigt mich als Heilnetz-Gründerin in zwei wesentlichen Punkten:

  1. Es darf keine unterschiedlichen Größen, Premiumeinträge, Platzierungsversprechen bei Einträgen geben:
    Es ist absurd, sich im Segment der Begleitung von Lebewesen mit Geld eine gewisse Prominenz (= Hervorstehendes) erwerben zu können.
  2. Bewertungen sind mit Vorsicht zu genießen
    Urteile sind immer subjektiv – wenn viele Menschen eine Praxis gut bewerten, sagt es nichts darüber aus, ob ich dort an der richtigen Stelle bin oder ob mir geholfen werden kann. Es sehen ja auch sehr viele Menschen Dschungelcamp und ähnliche Sendungen…die Menge macht‘s meist nicht.

Fazit: Bewertungen wird es bei Heilnetz nicht geben, genauso wenig wie unterschiedliche Eintragsgrößen. Und Werbung, selbst für Naturheilkundliches oder wie auch immer geartetes Ganzheitliches, ist für Heilnetz, sehr modern gesprochen: keine Option.

Wer über den Streit, der den Impuls zu diesem Artikel gab, nachlesen möchte, kann das hier tun:

https://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article152816387/Patienten-duerfen-Aerzte-nicht-blindlings-beschimpfen.html

https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4906707

 

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