Forschungsprojekt zu Achtsamkeit

 

Achtsamkeits-Expert*innen gesucht

Pixabay

von GastautorIn

Thema des Forschungsprojektes: Achtsamkeitsbasierte Methoden und deren Bedeutung für den Verlauf chronischer Erkrankungen. Es handelt sich dabei um eine qualitative Untersuchung zu potenziellen Ressourcen für Bewältigung, Wohlbefinden und gesundheitsbezogener Lebensqualität am Beispiel des chronischen Schmerzsyndroms von Oliver Kupisch

Problemstellung

Chronische Erkrankungen stellen die Gesundheitsversorgung in Industrienationen und auch in weniger entwickelten Ländern, vor enorme gesundheitsökonomische und –politische Herausforderungen. Hinzu kommen steigende Zahlen an Mehrfacherkrankungen, die mit medizinischen Innovationen und der demographischen Entwicklung, vornehmlich in höheren Altersstufen, einhergehen. Aufgrund zusätzlicher Funktionseinschränkungen, wie beispielsweise Inkontinenz, kognitive Defizite und Sturzgefährdung, ist es bei multimorbiden Patienten erforderlich, die Behandlungsschwerpunkte von der Erkrankung auf den Erkrankten und dessen Funktionsfähigkeit zu verlagern.

Des Weiteren zeichnen sich die Folgen von Krankheit im zunehmenden Alter durch ausgeprägte Hilfs-  und Pflegebedürftigkeit und Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen aus. Zudem macht eine bevölkerungsrepräsentative Querschnittsstudie (n=22050) deutlich, dass chronische Erkrankungen in allen untersuchten Lebensaltern (18-44 Jahre, 45-64, 65 und älter) mit unterschiedlichen Ausprägungen an psychischen Belastungen, wie z.B. Depressionen, verbunden sind. Im Zuge dessen ist der  medizinischen Rehabilitation der gesetzliche Auftrag erteilt, u.a. chronische Erkrankungen „abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, auszugleichen oder ihre Verschlimmerung zu verhüten sowie den vorzeitigen Bezug von Sozialleistungen zu vermeiden oder laufende Sozialleistungen zu mindern“.

Zu den Herausforderungen in der Krankheitsbewältigung ist schließlich hervorzuheben, dass zwar empirische Forschungsergebnisse vorliegen und die Probleme vielfach diskutiert werden, jedoch kein theoretisches Gesamtkonzept für den Umgang mit chronischen Erkrankungen existiert.

Stand der Forschung

Die moderne Medizin ist bei der Behandlung akuter Krankheiten, beispielsweise durch chirurgische Eingriffe oder Interventionen bei bakteriellen Lungenentzündungen, überaus erfolgreich. Chronische Krankheiten hingegen sind komplexer und bedürfen weiterer Behandlungsmethoden.

Durch die ansteigenden Spezialisierungen und technischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte kommt zusätzlich erschwerend hinzu, viele chronisch erkrankte Patienten nicht adäquat behandeln zu können, weil sich deren Beschwerden selbst mit den modernsten bildgebenden Verfahren nicht darstellen lassen. Dies zeigt sich insbesondere bei einer chronischen Schmerzerkrankung mit multifaktoriellem Ursachenspektrum. Hiervon sind in Deutschland mehr als 8 Mio. Patienten betroffen, wobei chronischer Schmerz neben dem Körper auch die Psyche und das soziale Umfeld miteinbezieht.

Beispielsweise haben chronische Rückenschmerzen und Erkrankungen der Wirbelsäule (sog. Dorsopathien) eine besondere epidemiologische, medizinische und gesundheitsökonomische Bedeutung. Hervorzuheben sind hierbei nicht-spezifische Rückenschmerzen, die sich bei geschätzten 80% aller RückenschmerzpatientInnen weder durch eindeutige Diagnosen noch durch krankhafte Prozesse und auch nicht gesicherten Schmerzquellen feststellen lassen. Infolge erhöhter Inanspruchnahme gesundheitsversorgender Leistungen und Arbeitsunfähigkeit oder (Früh-) Berentung wegen teilweiser oder voller Erwerbsminderung, weist dies eine deutliche Public Health Relevanz auf (ebd.).

Als ergänzende Lösungsansätze für die beschriebene Problematik zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise aus den Bereichen der Hirnforschung, Psychoneuroimmunologie und Selbststeuerung, dass die Qualität der Gedanken und Emotionen grundsätzlich wichtige Determinanten für das allgemeine Wohlbefinden von Menschen sind. Demnach enthält eine grundsätzlich positive Lebenseinstellung vermutlich präventive Aspekte und ist eng verbunden mit Resilienz[1] und dem Kohärenzsinn[2] nach Antonovsky.

Infolgedessen bieten achtsamkeitsbasierte Methoden, die oft im Kontext der komplementären und vom Paradigma der Salutogenese geprägten Mind-Body-Medizin angeboten werden, möglicherweise weitere Lösungsansätze für die oben erwähnten Probleme. Im Umgang mit und für den Verlauf chronischer Erkrankungen zeigen Studienergebnisse, dass sich beispielsweise durch Achtsamkeitsmeditation signifikante Veränderungen im Denken und Verhalten entwickeln und persönliche Bewältigungsressourcen freigesetzt werden können. Bei psychischen Problemen wie z.B. Depressionen und Angstzuständen, selbst wenn physische Erkrankungen dafür ursächlich sind, kann es zu einem verbesserten Wohlbefinden und Gesundheitszustand sowie erhöhter Lebensqualität führen.

Forschungsvorhaben:

In diesem Forschungsvorhaben liegt der Fokus achtsamkeitsbasierter Interventionen bei Menschen mit unterschiedlichen chronischen Schmerzen.

Zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen ist eine Qualitative Untersuchung vorgesehen. Dafür werden Experteninterviews durchgeführt. Als ExpertInnen sind Personen zu verstehen, die über ein spezifisches Wissen entsprechender Sachverhalte und Erfahrungen im jeweiligen Kontext verfügen.

Daher sollen hier Personen befragt werden, die eine entsprechende Expertise mit achtsamkeitsbasierten Methoden bei dem chronischen Schmerzsyndrom aufweisen und es vermutlich zu erwarten ist, dass die Fragestellungen aussagekräftig beantwortet werden können. Zu diesem ExpertInnenkreis zählen ÄrztInnen, (Psycho-) TherapeutInnen und professionelle Anbieter von beispielsweise Achtsamkeitsmeditation, Yogakursen etc. (und/oder WissenschaftlerInnen).

Oliver Kupisch

oliver.kupisch@uni-bielefeld.de

 

[1] Resilienz: Psychische Widerstandskraft und dynamische Fähigkeit eines Menschen, mit widrigen Umständen und Situationen umzugehen.

[2] Kohärenzsinn: Empfindungsfähigkeit für die stimmige Verbundenheit mit sich selbst bzw. dem sozialen Gefüge. Grundhaltung ist ein tiefes Vertrauensgefühl. Sinnhaftigkeit (Aufgaben im Leben haben Sinn), Handhabbarkeit (Aufgaben lassen sich bewältigen), Verstehbarkeit (Ereignisse im Leben sind strukturiert) sind die drei wesentlichen Faktoren, eng verbunden mit dem Gesundheit-Krankheit Kontinuum der Salutogenese nach Antonovsky.

 

Mehr Good News ►

Zurück